ROI eines Mentoring-Programms: messen und berechnen
Der ROI eines Mentoring-Programms ist der monetarisierte Nettonutzen geteilt durch die Gesamtkosten: ROI = (monetarisierter Nutzen − Kosten) ÷ Kosten × 100. Die Formel ist einfach. Schwierig ist alles drumherum: Der Nutzen von Mentoring ist meist kein Geld, zeigt sich erst nach Monaten und vermischt sich mit allem anderen, was im Unternehmen passiert.
Dieser Leitfaden erklärt die Methode. Er enthält bewusst keine Branchendurchschnitte oder geliehenen Kennzahlen: Eine Renditezahl ist nur glaubwürdig, wenn sie auf Ihren eigenen Kosten, Ihren eigenen Ergebnissen und einer ehrlichen Schätzung des Programmeffekts beruht.
Warum ist der ROI von Mentoring schwer zu berechnen?
- Der Nutzen ist indirekt. Mentoring verändert Selbstvertrauen, Netzwerke und Urteilsvermögen. Geld entsteht erst, wenn das eine Größe bewegt, die bereits einen Preis hat, etwa wenn jemand bleibt statt zu kündigen.
- Der Zeitraum ist lang. Wer dank eines guten Mentors bleibt, taucht in der Fluktuationsstatistik des nächsten Jahres auf, nicht in diesem Quartal.
- Die Zurechnung ist unscharf. Freiwillige Mentees sind oft schon engagierter. Ohne fairen Vergleich bekommt das Programm Unterschiede gutgeschrieben, die vorher schon bestanden.
Behandeln Sie den ROI deshalb als sorgfältige Schätzung mit offengelegten Annahmen, nicht als Messung. Genau das macht ihn für das Controlling glaubwürdig.
Was gehört auf die Kostenseite?
Alles, zu Vollkosten. Ein ROI auf unvollständiger Kostenbasis verspielt sofort Vertrauen. Der größte Posten ist fast immer Arbeitszeit, nicht Software.
| Kostenposition | Formel |
|---|---|
| Gesprächszeit | [Anzahl Teilnehmende] × [Gesprächsstunden pro Person] × [Vollkostensatz pro Stunde] |
| Vor- und Nachbereitung | [Teilnehmende] × [Vorbereitungsstunden] × [Vollkostensatz] |
| Schulung von Mentoren und Mentees | [geschulte Personen] × [Schulungsstunden] × [Vollkostensatz] + [Trainer- oder Inhaltskosten] |
| Programmkoordination | [Koordinationsstunden] × [Vollkostensatz der Koordination] |
| Software | [Lizenzkosten für den Programmzeitraum] |
| Veranstaltungen und Material | [Kick-off, Abschluss, Reisen, Verpflegung, Zertifikate] |
| Evaluation | [Stunden für Befragungen und Auswertung] × [Vollkostensatz] |
Der Vollkostensatz pro Stunde:
Vollkostensatz = (Jahresgehalt + Sozialabgaben des Arbeitgebers + Zusatzleistungen + Gemeinkostenanteil) ÷ jährliche Arbeitsstunden
Ihr Controlling oder HR hat meist einen Standardsatz. Nutzen Sie diesen, statt einen eigenen zu erfinden.
Welcher Nutzen lässt sich in Geld umrechnen?
Nur Ergebnisse, die Ihre Organisation bereits bewertet. Die Eingangswerte stammen aus Ihren eigenen HR- und Finanzdaten.
1. Bindung: vermiedene Wiederbesetzungskosten
Vermiedene Abgänge = ([Abgangsquote der Vergleichsgruppe] − [Abgangsquote der Teilnehmenden]) × [Anzahl Teilnehmende]
Bindungsnutzen = [vermiedene Abgänge] × [Kosten einer Wiederbesetzung]
Die Wiederbesetzungskosten sind Ihre eigene Schätzung: Recruiting und Anzeigen, Interviewstunden × Vollkostensatz, Onboarding sowie die Produktivitätslücke in der Einarbeitung.
2. Schnellere Einarbeitung
Nutzen = [neue Mitarbeitende mit Mentoring] × [eingesparte Tage bis zur vollen Produktivität] × [täglicher Vollkostensatz] × [durchschnittliche Produktivitätslücke in der Einarbeitung]
Die eingesparten Tage müssen aus einem Vergleich mit ähnlichen neuen Mitarbeitenden ohne Mentoring oder mit einer früheren Kohorte stammen.
3. Interne Besetzung statt externer Einstellung
Nutzen = [intern besetzte Stellen über der Vergleichsquote] × ([Kosten externer Einstellung] − [Kosten interner Besetzung])
Rechnen Sie bei der internen Besetzung die Nachbesetzung der vorherigen Stelle mit ein.
Und der Nutzen ohne Preis?
Engagement, Zugehörigkeit, Wissensaustausch über Bereichsgrenzen, ein vielfältigerer Führungsnachwuchs: Berichten Sie ihn mit Belegen, aber rechnen Sie ihn nicht in Geld um. Eine erfundene Bewertung schwächt die ganze Rechnung. Eine separate Liste immaterieller Nutzen ist ehrlich und gängige Praxis.
Wie isoliert man den Programmeffekt?
Die als Phillips-ROI-Methodik bekannte Vorgehensweise von Jack Phillips ergänzt die vier Evaluationsebenen nach Kirkpatrick um eine fünfte Ebene (ROI) und macht die Isolierung des Effekts zum Pflichtschritt. Ihre Werkzeuge passen gut zu Mentoring:
- Vergleichsgruppe. Teilnehmende mit ähnlichen Nicht-Teilnehmenden nach Rolle, Ebene, Betriebszugehörigkeit und Standort vergleichen. Warteliste oder gestaffelter Start liefern sie ganz natürlich.
- Trendlinie. Liegt eine stabile Historie der Kennzahl vor, den Wert nach dem Programm mit dem fortgeschriebenen Trend vergleichen.
- Schätzung durch Teilnehmende und Führungskräfte. Fragen: „Welchen Anteil der Verbesserung schreiben Sie dem Mentoring zu?” und „Wie sicher sind Sie?” Beides multiplizieren.
Zugerechneter Nutzen = [Wert der Verbesserung] × [dem Mentoring zugeschriebener Anteil] × [Sicherheit der Schätzung]
Zwei vorsichtige Regeln halten das Ergebnis belastbar: Bei zwei Schätzungen die niedrigere nehmen, und für einen Programmdurchlauf den Nutzen nur für ein Jahr ansetzen. Personenbezogene HR-Daten nur zweckgebunden und aggregiert auswerten, wie es die DSGVO verlangt.
Ein Rechenbeispiel (hypothetisch)
Alle Zahlen sind runde Platzhalter, erfunden, um die Rechnung zu zeigen. Sie beschreiben weder ein reales Programm noch ein typisches Ergebnis.
Ein Unternehmen führt ein 9-monatiges Programm mit 40 Mentoring-Paaren (80 Personen) durch und setzt der Einfachheit halber für alle 50 € pro Stunde an.
| Kosten | Rechnung | Betrag |
|---|---|---|
| Gesprächszeit | 80 Personen × 12 Std. × 50 € | 48.000 € |
| Schulung | 80 Personen × 2 Std. × 50 € | 8.000 € |
| Koordination | 200 Std. × 50 € | 10.000 € |
| Software | Platzhalter | 3.000 € |
| Veranstaltungen | Platzhalter | 1.000 € |
| Summe | 70.000 € |
Nutzen
- Bindung. Über 12 Monate verlor eine passende Vergleichsgruppe Personal in einer Quote, die 3 Abgängen mehr entspricht als bei den 40 Mentees. Eine Wiederbesetzung kostet laut Unternehmen 30.000 €. Nutzen: 3 × 30.000 € = 90.000 €.
- Interne Besetzungen. Zwei Mentees übernahmen Stellen, die sonst extern besetzt worden wären, mit je 10.000 € Ersparnis. Sie schreiben 50 % davon dem Mentoring zu, bei 80 % Sicherheit. Nutzen: 2 × 10.000 € × 50 % × 80 % = 8.000 €.
- Monetarisierter Nutzen gesamt: 98.000 €.
Ergebnis: Nettonutzen 28.000 €; ROI = 28.000 ÷ 70.000 × 100 = 40 % (hypothetisch); Nutzen-Kosten-Verhältnis 1,4.
Jetzt der Stresstest: Stützt der Vergleich nur 1 statt 3 vermiedene Abgänge, sinkt der Nutzen auf 38.000 € und der ROI wird negativ. Diese Sensitivität ist der wertvollste Teil der Übung. Der Break-even liegt bei 70.000 ÷ 30.000 ≈ 2,3 vermiedenen Abgängen: eine Frage, über die Entscheider sinnvoll nachdenken können.
Wann ROI, wann ROE berichten?
Return on Expectations (ROE), ein Begriff aus dem Umfeld des Kirkpatrick-Modells, fragt, ob das Programm geliefert hat, was die Auftraggeber zu Beginn erwartet haben.
| Situation | Bessere Wahl |
|---|---|
| Controlling fragt: „Was haben wir für das Geld bekommen?” | ROI mit Annahmen und Sensitivität |
| Ziele sind Inklusion, Kultur, Zugehörigkeit, Führungsreife | ROE mit Indikatoren und Belegen |
| Erster Durchlauf, keine Vergleichsgruppe, wenig HR-Daten | ROE plus Break-even-Schätzung |
| Etabliertes Programm mit sauberen Daten | Beides: ROE pro Durchlauf, ROI jährlich |
Legen Sie das vor dem Start fest. Die Erwartungen gehören in den Business Case für das Mentoring-Programm, die Indikatoren in Ihren Plan zur Evaluation des Mentoring-Programms.
Typische Fehler bei der ROI-Berechnung
- Fremde Zahlen übernehmen. Der Prozentwert eines anderen Unternehmens ist kein Beleg für Ihr Programm.
- Software zählen, Arbeitszeit nicht. Teilnehmerstunden sind der größte Posten; wer sie weglässt, bläht den ROI auf.
- Keine Isolierung. Mentees mit „allen anderen” zu vergleichen, schreibt dem Programm vorhandene Unterschiede zu.
- Alles monetarisieren. Eine erfundene Bewertung von Zugehörigkeit beschädigt auch die soliden Zahlen.
- Keine Ausgangsbasis. Ohne Daten vor dem Programm gibt es nichts zu vergleichen.
- Nur eine Zahl berichten. Zeigen Sie Annahmen, vorsichtiges Szenario und Break-even. Wie Sie das der Geschäftsführung präsentieren, steht im Leitfaden Mentoring-Ergebnisse berichten.
Wie hilft Software bei den Zahlen?
Kostenseite und Teilnahmebelege stammen größtenteils aus Programmdaten, die sich aus E-Mails und Tabellen nur mühsam rekonstruieren lassen. In Mentornity werden über die Plattform gebuchte Termine mit Datum, Beteiligten und Session erfasst, Feedbackformulare laufen mit den Sessions, und Erinnerungen gehen an alle mit fehlendem Feedback. Berichte lassen sich mit Diagrammen als CSV, Excel oder PDF exportieren, sodass Terminzahlen für die Zeitkosten bereitliegen. Die Umrechnung in Geld und die Zurechnung bleiben bei Ihnen und Ihrem Controlling. Sehen Sie, wie das für Mentoring in Unternehmen funktioniert, oder testen Sie kostenlos mit bis zu 10 Nutzern.
Weitere Leitfäden zu Planung, Messung und Durchführung finden Sie in allen Mentoring-Leitfäden.